Zu ih­rer Zeit, um das Jahr 2000, steckte ich in den Kin­der­schu­hen mei­ner bis­her elf­jäh­ri­gen Ar­beits­lo­sig­keit. Schade, dass ich erst vor ei­ni­ger Zeit im Netz auf die Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen ge­sto­ßen bin, die heute ver­streut im Land le­ben, einst als Ber­li­ner Grup­pie­rung die Öffent­lich­keit dar­auf auf­merk­sam mach­ten, dass ar­beits­los und glück­lich sein ver­ein­bar ist. Ein er­füll­tes Le­ben mit Er­werbs­ar­beit gleich­set­zen da­ge­gen Irr­sinn. Zu Glück wie Zu­frie­den­heit kann sie zwar bei­tra­gen, muss aber nicht.
Bei der Lek­türe von ›Mehr Zu­cker­brot, we­ni­ger Peit­sche‹, den Ge­sin­nungs­tex­ten der Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen, fragte ich mich: Wa­rum habe ich mir an­fangs ein schlech­tes Ge­wis­sen und Druck ge­macht, nur weil ich ar­beits­los bin? Ge­sell­schaft­li­cher so­wie politisch-behördlicher Druck, der auf mich aus­ge­übt wird, mein Wohl­er­ge­hen nicht im Sinn hat, ist mei­nem Le­ben Schi­kane ge­nug! Laut des Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen Guil­laume Paoli wäre die beste Ant­wort schma­rot­zend fau­ler oder ach so ar­mer Ar­beits­lo­ser er­ha­be­nes La­chen. Er meint es nicht höh­nisch, dreht den Spieß nur mal um, plä­diert viel­mehr da­für, sich mit Ar­bei­ten­den zu so­li­da­ri­sie­ren, die auch glück­lich sein und schon gar nicht eine mög­li­che Ar­beits­lo­sig­keit als Be­dro­hung emp­fin­den wol­len.
So­sehr wir Geld brau­chen, um ma­te­ri­ell zu exis­tie­ren, so­we­nig lässt sich Ar­beits­lo­sig­keit ab­schaf­fen. Zur Ge­nüge er­fah­ren wir, wa­rum Ar­beits­plätze ver­kürzt und ab­ge­baut wer­den, auf­grund von Au­to­ma­ti­sie­rung, an man­cher Stelle feh­len­den Gel­dern, Out­sour­cing in Nied­rig­lohn­län­der usw. Dum­ping­löhne hier­zu­lande, die in un­se­rer Wohl­stands­ge­sell­schaft ei­ner Ar­beits­mo­ral be­dür­fen, ste­hen ne­ben ho­hen, we­ni­ger mo­ra­li­sier­ten Un­ter­neh­mens­ge­win­nen. Bitte ha­ben wir alle das Glück, nicht von Not ge­trie­ben zu wer­den, eine Chance uns selbst zu ver­wirk­li­chen! Wes­we­gen also nicht ebenso die­je­ni­gen of­fi­zi­ell ent­loh­nen, die auf Man­gel­ware ›Er­werbs­ar­beit‹ ver­zich­ten so­wie Lohn­dum­ping nicht durch ei­ge­nen Ein­satz un­ter­stüt­zen wol­len! Aber nein; all de­nen, die we­nig ver­mö­gend sind, winkt die Mo­ral­keule, teilt ih­nen un­ter­schwel­lig mit, wie schnell man ma­te­ri­ell in die Enge ge­trie­ben wer­den kann, in ei­nem Land, des­sen Reich­tum sei­nes­glei­chen sucht.
Das Bünd­nis für Si­mu­la­tion, von dem in obi­gem Zei­tungs­aus­schnitt die Rede ist, auf­zu­kün­di­gen wäre an­ge­bracht. Es zu be­en­den be­deu­tet, die Un­ter­neh­mer und die Bun­des­agen­tur für Ar­beit von der un­lös­ba­ren Ma­mu­t­auf­gabe ent­las­ten, uns zur Uto­pie ›Voll­be­schäf­ti­gung‹ zu füh­ren. Viele Ar­beit wird ein­ge­spart, at­trak­tive so­wie un­at­trak­tive. Wa­rum ihr nach­trau­ern? Sich ge­wollte, at­trak­tive Ar­beit schaf­fen oder su­chen, die nicht zwangs­läu­fig Geld brin­gen muss, ohne Be­vor­mun­dung durch Po­li­tik bzw. Staat, an­statt fremd­be­stimmt bspw. in Maß­nah­men ge­steckt zu wer­den, sol­che, über die Il­lu­sio­nen ei­ner ein­sei­ti­gen Ge­sell­schafts­vor­stel­lung fi­nan­ziert wer­den.
Ich sehe nicht ein, wieso ich Lang­zeit­ar­beits­lo­ser un­glück­lich sein sollte, er­kenne mich in den Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen so­weit wie­der. Als ich ih­ren Taug­lich­keits­test machte, den man auf ih­rer Web­site et­was su­chen muss, da die Na­vi­ga­tion un­ter kei­nem un­nö­ti­gen Auf­wand pro­gram­miert wor­den ist, stellte ich fest, ich ar­beite lie­ber Frei­zeit, nicht Kurz- oder Lang­zeit. Ich habe den Test wahr­schein­lich nicht be­stan­den, denn das Wort ›Ar­beit‹ be­rei­tet mir kein Pro­blem, so­lange es nicht be­son­ders be­tont wird und das, was es meint, frei­wil­lig ge­schieht. Aber die­sen Test wer­tet dir so oder so nie­mand aus. Eine gute Pause kann nach ihm schon mal ein Jahr dau­ern; die Schlange vor ei­nem of­fe­rier­ten Job, für den man sich irr­tüm­lich an­ge­stellt hat, mit ei­ner Per­son zu lang sein u. Ä.
Den Stel­lenab­leh­nungs­ge­ne­ra­tor 2.0 habe ich lei­der nicht ge­fun­den. Er wäre ganz prak­tisch. Ab­leh­nun­gen durch Ar­beit­ge­ber, zu de­nen Zwangs­be­wer­bun­gen füh­ren, un­ter ma­xi­ma­ler Ef­fi­zi­enz, höchst öko­no­misch ge­ne­rie­ren, mir Ar­beits­lo­sem Zeit z. B. für Sinn­vol­le­res ver­schaf­fend. Für Ar­beit­ge­ber exis­tiert ja auch ein Ab­sa­gen­ge­ne­ra­tor, mit des­sen Hilfe sie Ab­sa­gen an Be­wer­ber ideal for­mu­lie­ren kön­nen.
Er­in­nert sich je­mand an die Hartz IV’sche Ich-AG? Die Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen ant­wor­ten mit der Ohne-mich-AG. In so ei­ner wäre ich gut auf­ge­ho­ben, da ich mich gerne selb­stän­dig be­tä­tige, aber kei­nes­falls da­mit be­drü­cken oder stres­sen will, um je­den Preis Geld ein­zu­neh­men.
›Busy Do­ing Not­hing‹, ein Bei­trag Mila Zou­falls in dem Buch, das rechts ab­ge­bil­det ist, wid­met sich dem Nichts­tun, das viele höchs­tens als tä­ti­ges Nichts­tun zu­las­sen kön­nen. Ein un­an­ge­neh­mes Ge­fühl durch Un­tat, bes­ser Nicht­tat, wel­ches ab­ge­legt sein will, trägt wie­derum der Mü­ßig­gangs­ter, die eins­tige Zei­tung der Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen, al­lein schon im Ti­tel. Nichts­tun, Faul­sein steu­ern wahr­lich zu Glück bei, wech­selt mir und dir ge­rech­tes Tun sich mit ih­nen ab. Und wes­halb Geld­er­werb in Brei­ten­gra­den, in de­nen viel Geld vor­han­den ist, wich­tig neh­men? Un­zäh­lige Men­schen wollen/müssen ihre Wa­ren los­wer­den und Dienst­leis­tun­gen voll­füh­ren. Egal ob an Kun­den, die Ar­beit oder keine ha­ben.
Die Glück­li­chen Ar­beits­lo­sen, viele ih­rer The­men nach wie vor ak­tu­ell, ha­ben nach jah­re­lan­ger Öffent­lich­keit lei­der auf­ge­hört. Sie er­freu­ten sich gro­ßer Be­kannt­heit, wie Ar­ti­kel u. a. im Spie­gel, in der taz, im Frei­tag zei­gen. Be­son­ders auf­schluss­reich ein In­ter­view durch die Künst­ler­gruppe fin­ger.

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3 Kommentare
  1. epikur sagt:

    Das Grund­pro­blem ist, dass für die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung die Lohn­ar­beit im­mer noch als »Selbst­ver­wirk­li­chung« gilt. Da­bei wird sie fremd­be­stimmt und ent­frem­det uns von uns selbst.

    Trotz­dem gibt es für die Masse keine Al­ter­na­tive. Sie ha­ben Angst vor der Frei­heit der Nicht-Fremdbestimmtheit. Was tun, wenn mich nie­mand zwingt mor­gens früh auf­zu­ste­hen und zu schuf­ten? Was mit der gan­zen Zeit an­fan­gen? Angst vor sich selbst, die Angst da­vor Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und sein Le­ben zu ge­stal­ten ist weit verbreitet.

    Wer ar­beits­los ist, darf nicht glück­lich sein in un­se­rer Ge­sell­schaft. Wer er­werbs­los ist, soll um Lohn­ar­beit betteln!

  2. Veit Pakulla sagt:

    Ich ver­mute ein Grund­pro­blem darin, dass die Mehr­heit der Be­völ­ke­rung sich als Maß­stab für alle nimmt und die Po­li­tik die­sen auf­greift und um­setzt. Doch wir ha­ben heute keine so si­che­ren Lohn­ar­bei­ter­ver­hält­nisse mehr wie frü­her. Hof­fent­lich kommt das bei im­mer mehr Men­schen an und se­hen sie es nicht nur ne­ga­tiv, son­dern auch die Chancen.

    Selbst­ver­wirk­li­chung ist eine in­di­vi­du­elle An­ge­le­gen­heit. Für man­chen mag sie im We­sent­li­chen gar in der Ar­beit bzw. im Geld­ver­die­nen lie­gen. Wich­tig finde ich, dass man et­was für sich und an­dere tut, au­ßer­dem nicht ge­zwun­gen wird Geld zu verdienen.

    Manch­mal ist es gut, et­was von au­ßen zu ha­ben, Frem­des, wenn man so will. Al­les al­lein von sich aus ma­chen läuft nicht. Man­che brau­chen vie­les Vor­ge­ge­bene, an­dere weniger.

  3. Silas Vega sagt:

    Wie ist es mög­lich, sich von den Pa­ra­dig­men der Er­werbs­ar­beit zu lö­sen, ei­gene Wege zu ge­hen, ein Le­ben zu füh­ren, wel­ches mir Frei­räume bie­tet, in de­nen ich er­fül­len­den und sinn­stif­ten­den Tä­tig­kei­ten nach­ge­hen kann? Für mich be­stand ein Schlüs­sel­mo­ment die­ser Ar­beit darin, dar­le­gen zu kön­nen, dass eine sol­che Le­bens­füh­rung ei­nen Kom­pro­miss zwi­schen Zeit­sou­ve­rä­ni­tät und Wohl­stand bedeutet.

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